Wider den Cyber-Analphabetismus

Auf der Webseite des BIB (Berufsverband Information Bibliothek e.V.)  fand ich den Hinweis auf einen interessanten Artikel in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung):

Das Internet ist kein auf Dauer angelegter Wissensspeicher. Zu behaupten, es ersetze vollständig die Bibliotheken, ist Schildbürgerei.
Gastkommentar von Manfred Schneider 25.1.2016
Vor etwa dreihundert Jahren prophezeite der geniale Mathematiker, Philosoph und Bibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz, dass in tausend Jahren unsere Bibliotheken so gross sein würden wie ganze Staaten. Damals wurden auf dem Gebiete Deutschlands jährlich vielleicht 1500 neue Bücher gedruckt, aber diese Zunahme beunruhigte bereits Gelehrte und Bibliothekare.

Ein schwarzes Loch?

Während sich der gefürchtete Büchermassen-Staat in winzige elektronische Pakete verflüchtigt, schwillt ein neuer virtueller Schildbürgerstaat heran, den die wachsende Schar von Propheten der Digitalisierung und des Internets bevölkert. Diese Cyber-Orakel, Nerds, Medientheoretiker, Blogger und Informatiker behaupten genau zu wissen, welche alltäglichen Dinge, welche technischen und kulturellen Gegebenheiten demnächst verschwinden werden. Sie beschreiben und preisen das World Wide Web als ein schwarzes Loch. Statt Sterne und Sonnen aufzusaugen, verschluckt es die gute alte Gutenberg-Galaxie und mit ihr Kinos, Zeitungen, Schulen, Privatsphären, Lenkräder, Vorlesungen, Autoren, Bücher, Schallplatten, Parlamente, die Öffentlichkeit, Bibliotheken.

Nur ein beliebiges Beispiel (aus dem Internet-Loch): Der amerikanische Internet-Profi M. G. Siegler, Mitarbeiter bei Google, weiss genau, dass die Bibliotheken im Cyberspace verschwinden werden. Warum? Es geht doch keiner mehr hin! Das letzte Mal, erinnert sich Siegler in einem Blog, war er zu Highschool-Zeiten in einer Bibliothek, und da hat er sich auch nur eine CD ausgeliehen. Im Sog solcher Torheiten sind bereits Schulen dazu übergegangen, ihren Kindern das Erlernen der Handschrift zu ersparen.

Man könnte den Cyber-Analphabeten gelassen bei ihrer Hofnarrentätigkeit zuschauen, würden sie nicht auch noch den Ökonomen spielen.

das Internet ist weder eine Bibliothek noch ein Speicher und erst recht keine Datenbank. Das Internet ist ein weltweites Verbundsystem von Rechnern und Computernetzwerken, die untereinander digitalisierte Daten austauschen können. Doch alle magischen Operationen, die den Fingerspitzen des Users, der früher einmal «Mensch» hiess, den Zugang zu ungeheuren Mengen von Wissen erschliessen, führten in die Leere, gäbe es nicht, über den Globus verteilt, Tausende von Institutionen, die dieses Wissen sammeln, pflegen und für die Weltgemeinde der Nutzer zugänglich machen würden.

Wer also behauptet, wir benötigten keine Bibliotheken, weil wir das Internet hätten, gehört in die Gesellschaft der Schildbürger, die keine Elektrizitätswerke benötigen, weil sie doch Steckdosen haben. Der populäre Satz, wonach das Internet «nichts vergisst», ist eine Warnung und nichts weniger als eine Beruhigung, denn von den Datenspeichern weltweit werden unablässig Einträge gelöscht, oder sie verschwinden mit den Rechnern selbst, die ständig erneuert werden müssen.

Wer im Vertrauen darauf, dass Wikipedia schon alles weiss, seine Lexika und Enzyklopädien ins Feuer wirft, wird irgendwann reumütig zu materiellen Datenträgern und greifbaren Informationssystemen zurückkehren, die immer noch die Grundlage allen Wissens bilden. Unzählige Links in der – gewiss grossartigen – Wikipedia-Enzyklopädie sind binnen kurzem erloschen, Verweise auf Bücher, Artikel, Zeitungsnachrichten, Funk- und Fernsehsendungen haben ihre unvermeidlich begrenzte Lebensdauer und unterliegen dem Vergessen – nicht des Internets, sondern der Zeit selbst.

Zeit und Veränderung

Nichts aber hat sich daran geändert, dass alles Wissen seit einigen tausend Jahren in Form von Schrift niedergelegt und festgehalten wird und dass der Aufstieg, die Dynamik und der Erfolg der Moderne, von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Kultur in erster Linie darauf beruhen, dass erstens die gesamte westliche Bevölkerung alphabetisiert, literarisiert und mathematisch gebildet wurde. Und dass sie zweitens dank dem grossen, exponentiell wachsenden historischen Wissen einen Begriff von Zeit und Veränderung, aber auch von Dauer entwickelt hat. Der Cyber-Analphabetismus im virtuellen Schildbürger-Staat muss daher bekämpft werden wie alle Leseschwächen.

Manfred Schneider ist emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2013 ist bei Matthes & Seitz sein Buch «Transparenztraum» erschienen.

Übrigens lautet das Titelthema des Februarhefts von „Bild der Wissenschaft“  ‚Leichter lernen‘. Dort gibt es u.A. ein Plädoyer für die Handschrift.

Schlau dank Stift

Heute wird immer mehr getippt und immer weniger geschrieben. Auch in der Schule verliert das händische Schreiben an Bedeutung. Dabei hilft es unserem Gehirn entscheidend auf die Sprünge.
von Bettina Gartner

Artikel aus „Bild der Wissenschaft“ sind 2 Monate nach Erscheinen frei verfügbar. (Quelle EZB „Über die Suchfunktion kann man alle Beiträge 2 Monate nach Erscheinen kostenlos recherchieren und lesen. Die pdf-Version der Hefte ist kostenpflichtig.“)

 

 

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